Donnerstag, 18. Februar 2016

Damalige Tagebuchaufzeichnung einer Dreizehnjährigen

Es war wieder schrecklich. Jetzt, endlich hier, kann ich weinen.
Liebes Tagebuch, du verstehst mich.
Heute hatten wir bei Herrn P. Unterrichtsvertretung. Und gleich
nach dem Klingeln folgte sein kommandohässliches: SETZEN!
Edith, du bleibst stehen!
Ich schob mich wieder aus der Bank. Da stand er schon neben mir,
griff an meine Haare, und weißt du, was er sagte?
"Dein Jesus trug ja auch die Haare so lang wie du!"
Die Klasse hielt den Atem an. Du, liebes Tagebuch, weißt, Herr P.
lässt es mich deutlicher als alle anderen spüren, dass ich an Gott glaube.

Ich holte tief Luft. Liebes Tagebuch. Wie oft schon habe ich es dir erzählt,
wie gemein er ist. Und du weißt auch, immer habe ich auf seine Frechheiten
geschwiegen.

Heute sagte ich ganz leise: "Ach, dann wissen Sie also doch, dass es IHN gibt?"
Glaube mir, ich war selbst am meisten über mich erschrocken, doch ganz still
sah ich ihn weiterhin an.
Herr P, hob die Hand, stell dir vor, er wollte mir eine Ohrfeige verpassen.
Doch er sah es mir an! Ich sagte ihm mit meinen Augen, sicher mit meiner
ganzen Mimik, dass ich um seine große Macht weiß, aber auch um seinen
kurzen Verstand.
Er zitterte als er die Hand sinken ließ.
Erst wollte ich aus der Klasse rennen, aber dann setzte ich mich einfach hin
und öffnete mein Geschichtsbuch.

Du, jetzt könnte ich kichern darüber, als er wie ein begossener Pudel nach vorn
zur Tafel lief.
Liebes Tagebuch, Wenn er so zu mir ist, weißt du, an wen ich da immer denken muss?
An Anne Frank. Komisch nicht? Es ist nicht vergleichbar, aber doch, irgendwie schon.
Danke! Du hast mir zugehört wieder. Meinen Eltern kann ich das nicht sagen, nein,
solche Gemeinheiten nicht!
Aber ich schlafe jetzt. Gute Nacht.

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